Leitbild

Präambel: 

Ziel der Stiftung gegen Rassismus ist die Überwindung rassistischer Diskriminierung.

Wir setzen uns gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit* ein. 

Wir wollen 100% Menschenwürde und 0% Hass. Wir engagieren uns für Vielfalt, Gerechtigkeit und ein solidarisches Miteinander. 

Unsere Arbeit sehen wir als Beitrag für eine Gesellschaft, in der alle Menschen in ihrer Würde und Selbstbestimmung leben können und respektiert werden – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Sprache, Gender, Identität, geistigen und körperlichen Fähigkeiten sowie sozialem Status oder Aufenthaltsrecht. 

Wir wollen gesellschaftliche Lernprozesse anregen und umsetzen, mit denen dazu beigetragen wird, Rassismus und Gewalt zu überwinden. Als essentiell für den Abbau von ablehnenden Einstellungen und rassistischem Denken sehen wir die Sensibilisierung der Mehrheitsgesellschaft und die Förderung von Kontakten zwischen Menschen mit und ohne Rassismus-Erfahrungen. 

Wichtig ist dabei für uns, mit einer Rassismuskritik zu arbeiten, die konsequent, intersektional und selbstreflexiv ist. 

Die Stiftung ist ein großes Netzwerk für ein solidarisches Miteinander mit Tausenden ehren- und hauptamtlichen Aktiven vor Ort. Im März 2025 haben sie insgesamt über 5.300 Veranstaltungen in Deutschland koordiniert und durchgeführt. Über 80 prominente Persönlichkeiten unterstützen die Aktivitäten, über 200 Engagierte wirken in verschiedenen Lebensbereichen mit, über 160 überwiegend regionale Aktionsgruppen sind bei den UN-Wochen aktiv, immer mehr Sportvereine mischen sich ein, neun Religionsgemeinschaften beteiligen sich jährlich mit über 2.000 Veranstaltungen, bundesweite gesellschaftliche Einrichtungen wirken mit, Bundesländer, die Bundesregierung und viele andere. Die Stiftung engagiert sich zudem für die europäische Zusammenarbeit zur Überwindung von Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus. 

Die Antirassismusarbeit findet aktuell vor einem krisenhaften Weltgeschehen und vor polarisierten Öffentlichkeiten statt. Jedes Land hat eine eigene Geschichte mit Rassismus, Antisemitismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Die Auseinandersetzung mit der Überwindung von unterschiedlichen Diskriminierungsformen muss in dem jeweiligen Kontext des Landes geschehen. Erforderlich sind Allianzen und Zusammenarbeit, um Diskriminierungen global zu überwinden.

Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Diskriminierungen gab es schon immer in Deutschland, welche jedoch zur Kolonialzeit und dem zweiten Weltkrieg nochmal in besonders menschenfeindlichen Formen auftraten. Diese finden sich heute noch in Gesetzen, Strukturen und Denkweisen. Innerhalb Deutschlands existieren ambivalente Gleichzeitigkeiten von Rassismen, Diskriminierungsformen und Antisemitismus – dies gilt auch für die Stiftung. Rassismus und Antisemitismus wirken auf verschiedenen Ebenen: gesellschaftlich, institutionell – aber auch zwischen marginalisierten Gruppen. Auch innerhalb migrantischer Communities gibt es Ausschlüsse, Hierarchien und Abwertungen. In unserem Netzwerk sind viele marginalisierte und nicht marginalisierte Communities vertreten. Nicht jede Zusammenarbeit ist spannungsfrei. Diskriminierungsfreie Räume existieren auch hier nicht. Daher ist uns intersektionales Arbeiten wichtig. 

Dieses Leitbild soll unsere Werte für die Zusammenarbeit transparent machen. 

Wir erkennen an, dass

  • Rassismus, Antisemitismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ein gesamtgesellschaftliches Problem sind. Sie wirken auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene,

  • die deutsche Mehrheitsgesellschaft dieses System mitträgt und von ihm profitiert. Daher hat sie auch eine besondere Verantwortung bei der Überwindung von Rassismus, Antisemitismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit,

  • auch innerhalb unseres Netzwerkes rassistische, antisemitische und diskriminierende Denkweisen existieren. Wir nehmen diese ernst und setzen uns aktiv mit ihnen auseinander.

  • eine antirassistische Haltung sich gegen jede Form von Diskriminierung stellen muss,

  • Rassismus und Diskriminierung in der Community real sind. Auch innerhalb von marginalisierten Communities existieren Vorurteile, Abwertungen und strukturelle Ausschlüsse. 

  • dass unsere Arbeit nicht fehler- und diskriminierungsfrei sein kann.

1. Unsere Werte 

Antirassismus ist unser Fundament – dabei denken wir intersektional. Wir setzen uns ein gegen jede Form der Diskriminierung. Rassismus, Antisemitismus und jede Form der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit müssen unabhängig von den Absender:innen benannt und kritisiert werden.

Machtkritik heißt für uns: Wir hinterfragen Hierarchien, Ausschlüsse und Privilegien – auch unsere eigenen.

Solidarität zeigt sich im Zuhören und Unterstützen. Wir sind solidarisch mit allen Menschen, die Diskriminierung erfahren. Wir stehen für Bündnisse zwischen Communities – nicht für Abgrenzung oder Hierarchien. Solidarität ist nur glaubwürdig, wenn sie nicht hierarchisch funktioniert.

Empowerment: Es ist uns wichtig, marginalisierten Perspektiven Raum zu geben. Wir arbeiten betroffenenzentriert und orientieren uns an ihren Bedarfen, mit Blick für Chancengleichheit und- Gerechtigkeit. 

Powersharing: Auch die Stiftung profitiert von gesellschaftlichen Ungleichheiten. Wo es möglich ist, teilen wir Macht oder Einfluss, die wir aufgrund unserer Privilegien besitzen. 

2. Wie wir mit Unterschiedlichkeiten umgehen wollen

Verantwortung übernehmen wir gemeinsam mit allen Mitwirkenden. 

Selbstkritik, Fehlerkultur und Lernbereitschaft: Es ist uns bewusst, dass wir nicht fehlerfrei sind. Fehler dürfen passieren, sie sollen jedoch Anlass bieten, daraus zu lernen. Wir verstehen uns als Organisation im Lernprozess. Wir bekennen uns zu einer diskriminierungskritischen Haltung und arbeiten aktiv daran, auch unseren eigenen Strukturen und Verhaltensweisen kontinuierlich zu hinterfragen und zu verändern. 

Kritik: Es ist uns bewusst, dass wir in einem Spannungsfeld agieren. Wir nehmen jede Kritik – unabhängig von den Adressat:innen – ernst. Wir nehmen Kritik insbesondere von marginalisierten Communities als Chance zum Lernen und zur solidarischen Arbeit auf. 

Austausch und Dialog: Wir sind überzeugt davon, dass antirassistische Arbeit Austausch über Differenzen hinweg braucht. Die Stiftung vertritt die Position, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen sollen, um Vorurteile abzubauen, gemeinsam von- und miteinander zu lernen. Im Dialog sein und bleiben ist uns wichtig.

3. Unsere Wurzeln. Aus dieser Sicht sprechen wir:

Die Stiftung gegen Rassismus geht zurück auf den Interkulturellen Rat. Dieser hat seit 1995 daran gearbeitet, den 21. März als Tag gegen rassistische Diskriminierung in Deutschland bekannt zu machen. Dies passierte gegen viele Widerstände aus Politik und Gesellschaft, Rassismus überhaupt als Thema in der deutschen Gesellschaft anzuerkennen. 

Im Laufe der Zeit ist es dem Interkulturellen Rat und seit 2014 der neugegründeten Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus gelungen, ein großes Netzwerk für eine menschenfreundliche Gesellschaft aufzubauen, das mittlerweile jedes Jahr mehrere Tausend Veranstaltungen gegen Rassismus organisiert. 

Dieses Netzwerk begleitet seitdem unsere Arbeit. 
Der Bereich der Antirassismusarbeit hat sich um neue Positionen und Perspektiven weiterentwickelt. 

  • Seit den Anfängen in den 1990er Jahre ist der hauptsächliche Fokus der Internationalen Wochen gegen Rassismus bis heute geblieben: Die Mehrheitsgesellschaft für Rassismus, Antisemitismus und jede Form der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu sensibilisieren, zu aktivieren und zu unterstützen, sich im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus damit auseinanderzusetzen und zu engagieren.  

  • Aus dieser Perspektive hat sich das Netzwerk der Stiftung gebildet. Die Internationalen Wochen gegen Rassismus werden auch weiterhin hauptsächlich aus dieser Perspektive heraus konzipiert. Wir bemühen uns, durch neue Kooperationspartner, die Perspektiven immer weiter auszubauen und miteinzubeziehen. 

  • Über Modellprojekte werden Betroffenenperspektiven stärker eingebunden. 

4. So arbeiten wir:

  • Wir hören zu – insbesondere jenen, die oft überhört werden.

  • Wir greifen diskriminierende Aussagen konstruktiv auf.

  • Wir benennen diskriminierendes Verhalten und zeigen Haltung. Gleichzeitig wollen wir die Chance geben, aus den eigenen Fehlern zu lernen und einen antidiskriminierenden Lernraum schaffen.

  • Wir sind dialogbereit, wenn der Wille gegeben ist, diskriminierende Handeln verändern zu wollen.

  • Wir bauen Netzwerke auf, die intersektional denken und handeln.

  • Wir unterstützen Empowerment von marginalisierten Gruppen.  

  • Wir lernen voneinander. 

  • Wir bilden uns weiter zu Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung und Intersektionalität.

  • Wir sprechen mit-, nicht übereinander. 

  • Wir verwenden kontextualisierte Sprache, sind sensibel für Unterschiede, und formulieren machtkritisch.

  • Wir reflektieren unsere eigenen Vorurteile regelmäßig.

  • Wir thematisieren innergemeinschaftlichen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung.  

  • Wir bleiben im Austausch, unsere Solidarität endet nicht dort, wo es unbequem wird. 

  • Wir reproduzieren keine Hierarchien, sondern setzen auf intersektionale Bündnisse und solidarisches Handeln. 

  • Wir fördern keinen Wettbewerb der Unterdrückung, sondern führen community-übergreifende geteilte Kämpfe. 

Wir möchten nicht nur Missstände benennen, sondern Transformation ermöglichen – durch Bildung, Förderung, Dialog und solidarisches Handeln.

Unsere Stiftung versteht sich als Plattform und Netzwerk für alle Menschen, die Veränderung leben wollen – innerhalb ihrer Familien, Vereine, Religionsgemeinschaften, Jugendzentren oder Initiativen.

5. Unsere Verpflichtung

Wir verpflichten uns dazu, dieses Leitbild regelmäßig zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Wir nehmen Rückmeldungen ernst, ziehen Konsequenzen bei diskriminierendem Verhalten und suchen aktiv den Dialog – auch in Konflikten.

Rassismus, Antisemitismus und jede Form von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind unvereinbar mit unseren Werten. Populistische und rassistische Aussagen dürfen keinen Platz haben und finden. 

* Der Begriff der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit stammt von Wilhelm Heitmeyer und bezieht sich auf Abwertung, Ausgrenzung oder Diskriminierung von Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit. Jede Form von Diskriminierung ist unvereinbar mit den Werten und Zielen der Stiftung gegen Rassismus. Hier finden Sie ein Glossar mit den Begriffserklärungen der unterschiedlichen Diskriminierungsformen.

November 2025